Schriftstellerehre

Vor kurzem kam mir jemand unter, der gerade in bisschen in Rage war, wegen Frauen in erotischen Szenen von Büchern. Da das ja quasi mein täglich Brot ist, musste ich natürlich meine Ehre verteidigen. War mir aber auf die Schnelle nicht gelungen. deswegen hier und jetzt etwas ausführlicher.

nackte frau auf einem boot auf der spree in berlin
Unter sieben Brücken musst du fahrn

Ist jemand dabei, der kein Blut ab kann? Wäre aber nur halb so wild, kommt gar keins vor, jedenfalls keins, welches irgendwo austritt. Wär ja auch blöd, bei einer erotischen Geschichte, oder? Ich mein, im Krimi ist das ja völlig normal, aber beim Porno? Das ginge vermutlich selbst mir zu weit. Ich habe zwar ein ziemliches Faible für Natürlichkeit – man könnte schon fast Fimmel sagen – aber ich will es nicht übertreiben. Also, Blut darf rauschen, gerne in den Ohren, es darf uns rote Bäckchen zaubern, als Steigerung auch einen roten Kopf und bei einem anderen Körperteil ist es für eine erotische Geschichte sogar meist unabdingbar. Bei welchem, das ist nur auf den ersten Blick unzweifelhaft, es kommt nämlich darauf an. Das erste, was einem einfällt, ist natürlich der Schwanz. Ohne Blut geht da nämlich nicht viel bis gar nix. Aber das Blut in den Schwänzen meiner Darsteller ist ja nur virtuell, es fließt auf dem Papier in fiktive Pimmel und wird dort zu imaginären Erektionen. Damit würde sich mein Gehirn jedenfalls nicht zufriedengeben. Ebenso wenig wie das eure. Und beim Schreiben und Lesen eines Pornos ist nun mal das Gehirn jenes Körperteil, auf das es wirklich ankommt. 

Neunundneunzig von hundert erotischen Geschichten merkt man hingegen an, dass den Autoren das nicht bewusst war. Da wird die eigene Geilheit beim Schreiben vielfach zum Stolperstein, da das oben dringend benötigte Blut sich gerade woanders befindet – jedenfalls bei den männlichen Schreibern. Die Fraktion mit dem Brötchen oder der Orchidee hat wiederum andere Defizite, aber das soll heute gar nicht das Thema sein. Ich will viel lieber über meine Kriterien sprechen, was eine gute Geschichte ausmacht und ehrlich gesagt, ist es dabei ziemlich egal, ob die nun erotisch ist oder nicht. Im Normalfall nämlich kaschiert der Sex in einem Text doch nur, dass ihm sonst jeglicher Reiz fehlt. 

Das wichtigste sind natürlich erst einmal die Personen. Meistens ist es doch so: Sie sind so blass, so flach, so lieb- und lustlos gezeichnet, sie handeln und sprechen (wenn überhaupt) so schablonenhaft, dass man glauben könnte, die Erektion sei nur der Beginn der einsetzenden Leichenstarre. Immer wenn ich von ebenmäßigen Gesichtszügen, straffen Brüsten und seidenweichen Schenkeln lesen muss, kommt mir ein bisschen Kotze hoch, ehrlich. Fehlen noch die halterlosen Strümpfe und hochhackige Schuhe (neudeutsch Highheels) und fertig ist der feuchte Traum der meisten Männer, traurig aber wahr. 

Will ich beschreiben, wie scharf ich auf jemanden bin, dann schildere ich diese Person so genau wie nötig, aber so ungenau wie möglich! Schließlich müssen meine Leser noch Platz für ihre eigenen Fantasien und Vorstellungen haben, seien sie nun an meiner statt oder das Objekt der Begierde. Statt sie detailliert zu beschreiben, lasse ich die Personen lieber handeln, denn dadurch charakterisiert man jemanden am besten. Den Rest erledigen Leser und Leserin. Körbchengröße, Schwanzlänge etc. kann sich dann jeder nach seinem Geschmack gestalten, sofern mein Handlungsrahmen das zulässt. Was ich damit meine, ist klar. Dass ich kaum in der Lage bin Claudia Roth über die Schwelle zu tragen, dürfte jedem einleuchten. Also ergeben sich körperliche Merkmale aus dem, was die Personen tun und was ich mit ihnen vorhabe. Wenn ich mir jemanden mit einem zierlichen A-Körbchen ausgedacht habe und bekomme nach drei Seiten Lust auf einen Tittenfick, muss ich noch mal zurück und das ändern. Oder ich begnügt mich damit, ihr draufzuspritzen. Kann ja auch ganz nett sein.

Der zweite wichtige Punkt ist: Was geht in den Köpfen meiner Leutchen vor? Wie verhält sich das gerade Erlebte zu dem, was sie bisher erlebt haben, was geht ihnen durch den Kopf, was macht die Situation, die gerade geschildert wird, zu einem besonderen Erlebnis oder zu einem außergewöhnlichen? Da ihr nicht in die Köpfe eurer Leser hineinsehen könnt, muss dieser Transfer umgekehrt stattfinden. Man selbst kann schlecht voraussagen, wann der Leser geil wird, man kann dies nur hoffen oder vermuten. Dann ist es schön, wenn die Geschichte etwas mehr zu bieten hat als nur Sex. Weiterlesen?

Author’s Honor

Recently I found someone who was just in a bit of a rage because of women in erotic scenes from books. Since this is my daily bread, I had to defend my honour. But I didn’t succeed in a hurry. Therefore here and now a bit more detailed.

Nackte Frau an Bord eines Bootes auf der Spree
Da werden sogar die Molecule Men scharf

Is there anyone there who can’t see blood? But that could be worse, there wouldn’t be any blood, at least not one that would leak out somewhere. Would be stupid, too, with an erotic story, wouldn’t it? I mean, it’s completely normal in crime thrillers, but in porn? That would probably go too far even for me. I have quite a penchant for naturalness but I don’t want to overdo it. So, blood may rush, gladly in the ears, it may conjure up red cheeks for us, as an increase also a red head and with another body part it is even mostly indispensable for an erotic story. Which one, that is only unquestionable at first sight, depends on it. The first thing that comes to mind is of course the cock. Without blood there is not much to nothing. But the blood in my actors‘ cocks is only virtual, it flows into fictitious dicks on paper and becomes imaginary erections there. At any rate, my brain wouldn’t be satisfied with that. Neither would yours. And when it comes to writing and reading porn, the brain is the part of the body that really matters.

Ninety-nine of a hundred erotic stories, on the other hand, you notice that the authors were not aware of this. In many cases their own lust during writing becomes a obstacle, since the blood they urgently need above is somewhere else – at least with male writers. The fraction with the bread roll or the orchid has other deficits, but that is not the topic today. I would much rather talk about my criteria, what makes a good story, and to be honest, it doesn’t really matter whether it’s erotic or not. Normally, sex in a text only conceals the fact that it lacks any attraction at all.

The most important thing is of course the people. They are so pale, so flat, so lovelessly and listlessly drawn, they act and speak (if at all) in such a stereotyped manner – you could believe that an erection is only the beginning of the onset of rigor mortis. Whenever I have to read about even facial features, tight breasts and silky soft thighs, a little vomit comes up, honestly. The stockings and high-heeled shoes in addition and the wet dream of most men is finished, sad but true.

If I want to describe how keen I am on someone, then I describe this person as exactly as necessary, but as inaccurately as possible! Finally, my readers must have room for their own fantasies and ideas, be they mine or the object of desire. Instead of describing them in detail, I prefer to let the people act, because this is the best way to characterize someone. The rest is done by the reader. Cup size, cock length, etc. can then be designed according to everyone’s taste, as long as my framework allows it. What I mean by that is clear. The fact that I am hardly able to carry Claudia Roth over the threshold is obvious to everyone. So physical characteristics result from what the persons do and what I intend with them. If I have invented someone with a petite A-cup and get after three sides desire on a tits fuck, I must again back and change that. Or I content myself with spraying her on it. Can also be quite nice.

The second important point is: What is going on in my people’s minds? How does what they have just experienced relate to what they have experienced so far, what goes through their minds, what makes the situation that is currently being described a special experience or an extraordinary one? Since you cannot look into the heads of your readers, this transfer must take place the other way round. You yourself can’t predict when the reader will get horny, you can only hope or assume this. Then it’s nice when the story has more to offer than just sex.


5 Gedanken zu “Schriftstellerehre

  1. As an occasional writer myself, I always try to leave more to the imagination of the reader and concentrate on the emotion in the story. I don’t always succeed, but to me that’s the difference between something that is erotic and something that’s a porn script. The two are vastly different.

    Gefällt 2 Personen

    1. Und ich versuche etwas anderes, ich möchte nämlich meine hohen Anforderungen, die ich an ein Buch oder eine Geschichte habe, auf die Pornos übertragen. Ich will nicht nur Erotik, ich will das volle Programm. Aber ich will es ohne Kompromisse. Wenn es eine Sexszene ist, dann gerne deftig, gerne mit allem. Und Anspruch gehört in jedem Fall dazu.

      And I’m trying something else, because I want to transfer the high standards I have for a book or a story to porn. I don’t just want eroticism, I want the full program. But I want it without compromise. If it’s a sex scene, then I like it solid, I like it with everything. And a high ambition is always part of it.

      Gefällt 1 Person

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