Nackt auf verlorenem Posten

Oder auch bei nackt drehen alle am Rad. Bei nackt ist Schluss mit lustig. Nackt ist auf dem absteigenden Ast, und ähnliches. So ist es jedenfalls was die »normale« Nacktheit angeht. Normal? Und nackt? Nee, das geht nicht, dieser Zusammenhang existiert gar nicht mehr.

Nacktes Pärchen an einem Badesee
Eine halbe Erektion ist besser als keine

Selbst Bereiche unsere Lebens, in denen Nacktheit bis jetzt selbstverständlich war, drohen zu kippen. Sei es die selbstverständliche Nacktheit in der Sauna, der wahlweise mit Handtüchern oder sogar Badebekleidung zu Leibe gerückt wird. Oder die natürliche Freude an der eigenen Nackheit planschender Kleinkinder. Wenn ich vierjährige Mädchen mit Bikinioberteil sehe, fasse ich mir doch an den Kopf. Alleine schon, dass so etwas produziert wird! Wofür? Wozu soll das gut sein, wem nützen und dienen, wen wovor schützen?

Vorläufiger und trauriger Höhepunkt ist wohl das Verhüllen nackter Marmorstatuen in Italien, um religiöse Gefühle nicht zu verletzen. Und das, obwohl diese sogar 2000 Jahre Katholizismus ertragen und überlebt haben. Was soll das? Vorauseilender Gehorsam gegenüber einer menschenverachtenden Ideologie oder Religion? Oder sind das gar Forderungen von Leuten, die wir nie gebeten hatten, steinerne Titten anzusehen? Heißt das denn nun auch, dass wir in Italien niemanden mehr oben ohne am Strand liegen sehen?

Egal, soweit muss man gar nicht reisen. Es hat zwar andere Ursachen aber die gleiche Wirkung. Denn auch bei uns sind schrumpfende Nacktbadestrände zu betrauern. Sie sind die traurigen Zeugen einer Pseudokultur aus dem anglo-amerikanischen Raum. Für einen Amerikaner sind unverhüllte Brüste am Strand Provokation und Offerte gleichermaßen. Der Liberalismus endet dort, wo die Nacktheit beginnt.

Über amerikanische Prüderie würde ich mich gar nicht erst groß aufregen, aber leider importieren wir mit Apple, Facebook, Google und Konsorten  auch immer mehr deren schizophrenen Umgang mit nackter Haut. Nein falsch. Nackte Haut ist durchaus willkommen, so lange ein paar entscheidende Quadratzentimeter bedeckt bleiben. Schlimmer geht es eigentlich nicht mehr. So lange die nackte Haut zum Geldverdienen benutzt wird und die entscheidenden Grenzen nicht überschritten werden, darf man alles. Die Grenzen sind dabei ziemlich willkürlich gezogen worden. Brüste darf man zeigen, wenn man nur die Nippel ausspart – klingt logisch: Ist eindeutig, ist leicht einzuklagen, zu verklagen und aus der Ferne (Deutschland) zu beklagen.

Dass ein bekleideter Körper unter Umständen einen viel deutlicheren, offensiveren und damit auch einen aufreizenderen oder abwertenderen Ausdruck annehmen kann, wird geflissentlich ignoriert. Rihannas oder Miley Cyrus’ Bühnenshow sind okay, aber der eine Sekunde zu ahnende Nippel von Janet Jackson (Nippelgate) kostete Viacom dreieinhalb Millionen Dollar. Daran kann man gut sehen, wie verlogen das gesamte System ist. Die offensichtlich auf Sex anspielenden »anzüglichen« Bewegungen von Justin Timberlake und Janet Jackson? Geschenkt! Aber der Nippel! Oh. My. God. Das war natürlich der Untergang des fucking Abendlands.

Apples Tumblr-App erlaubt keine Suche nach expliziten Inhalten, whatever explicit means. Facebook löscht lieber einen Nippel zuviel und den ein oder anderen Hasskommentar zu wenig, beim Stillen in England oder Amerika werden Frauen beleidigt (ekelhaft, widerlich), aber es ist kein Problem, Pornos zu finden, bei denen offensichtliche Vergewaltigungen stattfinden oder Frauen in den Hals gefickt werden, bis sie kotzen. Instagram-Profile werden gesperrt weil man sein Baby stillt, aber nicht, weil man Heroin verkauft. Wollen wir wirklich diese schöne, neue Welt auch bei uns? Anscheinend.

Ich freue mich wie Bolle über jeden TATORT, wo ich ein paar Titten sehen kann. Über jeden französischen, italienischen, spanischen oder skandinavischen Film, in dem Nacktheit nicht als Skandal, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Lebens gezeigt wird.

Nudity is fighting a losing Battle

Or even when naked, everyone is cracking up. Naked is no fun anymore. Naked is heading south, and the like. At least that’s how it is with normal nudity. Normal? And nude? No, that’s not possible, that connection no longer exists.

Even areas of our lives where nudity has been taken for granted until now are threatening to topple over. Be it the natural nudity in the sauna, which can be tackled with towels or even swimwear. Or the natural joy of the own nakedness of splashing infants. When I see four-year-old girls in bikini tops, I am aghast. Bad enough that something like this is produced! For what reason? What is it good for, who benefits and serves, who is protected from what?

A temporary and sad highlight is probably the covering of naked marble statues in Italy, in order not to hurt religious feelings. And this, although they have endured and survived even 2000 years of Catholicism. What is this? Premature obedience to an inhuman ideology or religion? Or are these even demands from people we never asked to look at stone tits? Does that mean that in Italy we don’t see anyone lying topless on the beach anymore?

Anyway, you don’t have to travel that far. It has other causes but the same effect. Because also in our country shrinking nude beaches are to be mourned. They are the sad witnesses of a pseudo culture from the Anglo-American area. For an American, bare breasts on the beach are both a provocation and an offer. Liberalism ends where nudity begins.

I wouldn’t get too upset about American prudery, but unfortunately, with Apple, Facebook, Google and others, we are increasingly importing their schizophrenic treatment of naked skin. No, wrong. Naked skin is perfectly welcome, as long as a few crucial square inches remain covered. Actually, it can’t get any worse than this. As long as the naked skin is used to make money and the decisive boundaries are not exceeded, you can do anything. The boundaries have been drawn rather arbitrarily. Breasts are allowed to show if you only leave out the nipples – sounds logical: it’s clear, easy to sue and easy to complain from a distance (Germany).

The fact that a clothed body can under certain circumstances take on a much clearer, more offensive and thus also a more provocative or pejorative expression is deliberately ignored. Rihanna’s or Miley Cyrus‘ stage show is okay, but the one second suspect nipple of Janet Jackson (Nippelgate) cost Viacom three and a half million dollars. That shows how dishonest the whole system is. The obviously sexually suggestive lewd movements of Justin Timberlake and Janet Jackson? Forget it. But the nipple! oh. My. God. That was the decline of the fucking West, of course.

Apple’s Tumblr app doesn’t allow searching for explicit content, whatever explicit means. Facebook prefers to delete one nipple too many and one or two hate comments too few, while breastfeeding in England or America women get insulted (disgusting, disgusting), but it’s no problem to find porn where obvious rape takes place or women get fucked in the neck until they puke. Instagram profiles are blocked because you breastfeed your baby, but not because you sell heroin. Do we really want this brave new world around us? Apparently so.

I’m as pleased as Punch for any TATORT (most famous German crime series) scene where I can see some tits. About every French, Italian, Spanish or Scandinavian film in which nudity is not shown as a scandal but as a natural part of life.


10 Gedanken zu “Nackt auf verlorenem Posten

  1. Wie treffend dieser Titel leider ist. Leider immer noch und vermutlich wird sich daran auch nichts mehr ändern.

    Die amerikanische Prüderie, oder besser und treffender gesagt, die amerikanische Doppelmoral ist schlimm und wird leider auch immer weltweit Überhand nehmen.

    Dankeschön an Dich und Deine Frau, dass Ihr dem Allem mit Euren wunderschönen, erotischen, ein- und ausdruckstarken Fotos die Stirn zeigt. Ich hoffe Ihr habt noch lange Lust und Muse dafür.

    Liebe Grüße Carmen🌺

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    1. Es ist abzusehen, dass unsere Kinder und Enkel über die Sechziger- bis Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts ungefähr so unverständlich urteilen und denken werden, wie wir es über die Zwanziger- und Dreißigerjahre getan haben. Und – sie werden es kaum fassen können, wie freizügig die Welt einst war.
      Stillen in der Öffentlichkeit völlig normal, Nacktbader an Baggerseen, kein Thema. Brüste im Schwimmbad oder am Strand, ja klar. Das wird verschwinden, da bin ich mir sicher. Und es wird wiederkommen, allerdings nicht mehr zu unseren Lebzeiten.

      Wir können Facebook und allen anderen eben nichts, rein gar nichts entgegensetzen, wir sind auf Gedeih und Verderb auf amerikanische Infrastruktur angewiesen. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man darüber lachen.

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      1. Wie recht Du leider hast lieber Tilmann

        Ich habe versucht, zumindest was meine eigenen Kinder anbelangt, ihnen zu zeigen, vorzuleben das die natürliche Nacktheit ein normaler wichtiger Bestandteil unseres Zusammenlebens ist.. sein sollte. Bis jetzt scheint dies nicht schlecht gelungen zu sein. Ich bin dann mal gespannt, wie es in wenigen Jahren mit den gewünschten Enkeln aussehen wird und hoffe ich kann mich dann, als noch relativ junge Oma, miteinbringen.

        Und ja…. Man müsste wirklich darüber lachen wenn es nicht so traurig wäre.

        Liebe Grüße Carmen🌺

        P.S. Wusstest Du, dass es auch in der Schweiz, genau gesagt in Basel, auch einen Hammering Man (einen identischen Zwilling) gibt?

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  2. Ja, von dem Baseler Hammering Man hatte ich schon gehört, ihn aber noch nie gesehen. Unsere Ausflüge in die Schweiz sind bisher eher überschaubar. Schaffhausen und ein schönes Bild am Bodensee, mehr gibts bis jetzt noch nicht.

    https://natuerlichnackt.com/2017/05/24/duane-hanson-schloss-arenenberg-in-der-schweiz/
    https://natuerlichnackt.com/2017/05/28/duane-hanson-machtig-und-schmachtig-this-blog/
    https://natuerlichnackt.com/2017/05/22/duane-hanson-rheinfall-von-schaffhausen-am/

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  3. Kennt denn niemand einen gewieften Anwalt, der sich für öffentliche Nacktheit einsetzen kann? Gibt es da kein Schlupfloch in Sachen Vermummungsverbot? Und gibt es überhaupt eine standfeste gesetzliche Verordnung die einen zum Textilien tragen verpflichtet?

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  4. Nackt auf verlorenem Posten, wie wahr es doch ist.

    Dabei ist unser grösstes Sinnesorgan die Haut. Wie traurig ist es, sie unter Kleidung verstecken zu müssen. Entweder aus religiösen, wie allzu oft, oder aus politischen Gründen. Was das „politische“ betrifft, so sehe ich die USA als Haupt-Übeltäter Nummer Eins! Gleichauf gefolgt von den moslemisch dominierten Staaten.
    Auf der eine Seite die Prüderie, Nippel-Verbot wie oben geschrieben, auf der anderen Seite problemloser Kauf von Waffen aller Art. Einfach ausgedrückt, das (mögliche) Töten damit wird „geduldet“, aber wehe ein vierjähriges Mädchen hat keinen BH an oder der Mann eine Badehose, die nicht bis an die Knie reicht. Ein Schwiegervater, der darauf hin in den USA am Strand von einem Polizisten angemahnt wurde, spricht Bände.
    Aber dann heimlich Pornos gucken. In den USA ist Prostitution in allen Bundesstaaten verboten – ach nee?
    Und was passiert?
    Mann, der seine Sexualität nicht ausleben darf oder kann, sucht es sich trotzdem. Denn das „verbotene“ Angebot ist vorhanden. Dieses schizophrene Verhalten ist eigentlich nicht auszuhalten, egal wo. Sex gehört doch zum Leben wie Essen und Trinken.

    Oder der sehe ich das falsch?

    Im Endeffekt ist doch diese falsche Moral, die auch noch hauptsächlich von Männern propagiert wird, die Wurzel allen Übels wenn es um befriedigende Sexualität geht. Eine Frau, die vom Vater in all ihrem sexuellen Handlungen beschnitten oder reglementiert wird, sei es aus religiösen, familiären oder sonst welchen Gründen, kann doch keine positive Sexualität entwickeln. Und dann trifft sie auf Männer, die einfach nur geil sind und ihre Lust ausleben wollen. Egal ob mit oder ohne Trauschein.
    Somit ist der Mann, und das schreibe ich als Mann, der Hauptverantwortliche für die unterdrückte Sexualität der Frau. Denn nur, wer positiv über seinen Körper UND die Sexualität aufgeklärt wird, der kann sie in vollen Zügen geniessen. Und erst wenn das geschehen ist, kann jeder Mensch völlig wertefrei seine nackte Haut zur Schau stellen.

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    1. Wieder ein fantastischer Kommentar, eins der wenigen Zeugnisse, dass bei uns auch gelesen wird und nicht nur geguckt. Danke für deine Mühe und deine wahren Worte obendrein. Männer haben Angst vor der unendlichen Liebes- und Orgasmusfähigkeit der Frau, denn sie wären alleine kaum je imstande, diese adäquat zu befriedigen. Anwesende natürlich ausgenommen.

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