Schärfe ist ein bourgeoises Konzept

Das hat Henri Cartier-Bresson einmal gesagt und ich bin mir sicher, er würde sich im Grab herumdrehen, wenn er wüsste, wie heute seine damalige Aussage von den engagierten und mal mehr, mal weniger begabten Fotoamateuren missbraucht und durch den Dreck gezogen wird. Der Arme muss immer herhalten. Hätter er das geahnt, sein Mund wäre verschlossen geblieben. Trotzdem bin ich bei ihm, wenn ich glaube, dass die Asthetik eines Bildes es wert ist, dass man es zeigt, auch ohne dass es technisch perfekt ist.

nackter mann im garten lehnt an einer Mauer

Damit fällt der arme Henri in die Kategorie von Leuten, denen es meist unangenehm wäre, wüssten sie, von wem sie dauernd zitiert werden. Albert Einstein sagte: »Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.« Ob das heutzutage immer die richtigen zitieren? Da bin ich mir nicht sicher. Auch Laotse würde sich vor Entsetzen schütteln, wenn er wüsste, wer ihn alles zitiert: »Wissen, dass man nichts weiß, das ist das Allerhöchste.« Konfuzius würde »Der Weg ist das Ziel« am liebsten auch ungesagt machen.
Das ist unser Dilemma: »Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht jedem.« So schließe ich den heutigen Gedanken mit Karl Valentins Zitat ab. Der wäre vermutlich auch nicht traurig, wenn er wüsste, dass man ihn zitiert, der dachte sich schon sowas.

Sharpness is a bourgeois concept

Henri Cartier-Bresson once said this, and I am sure he would turn over in his grave if he knew how his former statement is now being abused and dragged through the mud by the committed and sometimes more, sometimes less talented photo amateurs. The poor man always has to serve. If he had suspected that, his mouth would have remained closed. Nevertheless, I am with him when I believe that the aesthetics of a picture are worth showing, even without being technically perfect.

Poor Henri thus falls into the category of people who would usually be uncomfortable if they knew who was constantly quoting them. Albert Einstein said, «Two things are infinite, the universe and human stupidity, but I’m not quite sure about the universe.» I wonder if they’re always quoting the right ones these days. I’m not sure they do. Even Lao Tzu would shake with horror if he knew who was quoting him: «To know that you know nothing is the highest thing.» Confucius would like to make «The way is the goal» unsaid, too.
That’s our dilemma: «Everything has been said, but not to everyone.» So I’ll conclude today’s thought with a quote from Karl Valentin. He probably wouldn’t be sad either if he knew he was being quoted, he thought something like that.


12 Gedanken zu “Schärfe ist ein bourgeoises Konzept

      1. Dass Schärfe ein bourgeoises Konzept sein soll, gefällt mir sehr. Meine Bilder sind auch häufig unscharf oder am falschen Ort scharf …. Allerdings gehöre ich eher auch zur Bourgeoisie. Das leben ist eben kompliziert, so viele Schubladen zwischen denen man hin und her hüpfen muss 😉 🙂

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  1. All diese teilweise tollen Zitate. Ich möchte hin und wieder so gerne das ein oder andere anbringen, aber ich vergesse sie immer wieder.
    Die Bildschärfe ist bei diesem Bild eh egal, denn DER Mann ist immer scharf. 🌶️

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