Aller Anfang …

… ist schwer oder vielleicht doch nicht so schwer. Kommt darauf an, womit man anfängt, würde ich sagen. Beginnen Sie doch einfach mit einer Suche und anschließenden Analyse. Gehen Sie auf eine geeignete Fotoplattform (wo Aktfotos gestattet sind) und fangen Sie an zu sammeln. Speichern Sie jedes Foto ab, was Ihnen gefällt, wie ein Eichhörnchen. Im Zweifel lieber eins zuviel als zuwenig. Tausend Bilder sind in jedem Fall ein guter Anfang. Das ist übrigens weder verboten noch verwerflich. Warum sollten ausgerechnet Sie das Rad neu erfinden müssen? Seit Urzeiten besteht Weiterentwicklung immer daraus, auf bekanntem aufzubauen. Und lernen kann man am besten, wenn man Gutes imitiert. Sterne sind zwar unerreichbar, aber tolle Vorbilder.

Vielleicht sieht ihr Modell nicht aus wie Marilyn Monroe, aber warum sollten Sie nicht ein Bild mit hochfliegendem Rock nachstellen können? Statt es als Plagiat abzutun, kann man es genauso gut als Hommage sehen. Bei Ihrem Studium der schon vorhandenen Aktaufnahmen werden Sie nach ein paar Stunden oder Tagen einige erstaunliche Entdeckungen machen. Es gibt so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner, einen gesellschaftlichen Konsens, den Einheitsbrei (falls Sie das Vorwort überlesen haben). Nur ein paar Details aus diesem: Bei einem Männerakt nicht den Schwanz zeigen, das ist unästhetisch. Schon gar nicht und unter keinen Umständen nicht den erigierten! Einer Frau soll man nicht zwischen die Schenkel gucken können (vermutlich wird man davon blind) und falls das Gesicht mit drauf ist, hält man sich sicherheitshalber mal die Hände vor die Brüste, falls Mutti oder Chef im Internet oder im Schaufenster des örtlichen Fotografen darüber stolpern. Ist kein Gesicht zu sehen, darf es ruhig etwas frivoler sein und man kann es sich immer noch als »Kunst« ins Schlafzimmer hängen.

Ich will nicht behaupten, dass das Gegenteil davon in jedem Fall ästhetisch ist, ich will Sie nur auf gängige Stereotype verweisen, die man besser vermeidet, oder wenn, dann nur spärlich einsetzt: Brustwarzen mit Eiswürfeln, Körperlandschaften im Gegenlicht mit aufgesprühtem Wasser oder Glycerin, unnatürlich abgewandte Gesichter, der Schwerkraft beharrlich trotzende Titten, in den Mund gesteckte Dildos (waren die Bananen wieder mal ausverkauft?), hockhackige Schuhe in aufgelassenen Fabrikgebäuden, frivol auf Schienen liegende Modelle, das Wasserrad (die langen Haare werden in den See oder Fluss getaucht und dann der Kopf und Oberkörper mit einem Ruck nach hinten geschleudert, am besten im Gegenlicht), Perlenketten auf dem Arsch, dem Bauch, oder zwischen den Schamlippen; Strumpfhalter, der High-Heel-Absatz, der den String anhebt, Schatten von Vorhang oder Jalousie auf kopflosem Körper, das blühende Rapsfeld, soll ich weitermachen? Wenn das die Motive sind, die Ihnen auch vorschweben, kann ich Ihnen kaum weiterhelfen. Wozu auch? Das machen ja schon alle anderen Aktfotoratgeber. Ich will damit übrigens nicht sagen, dass angesprochene Motive keine tollen Fotos ergeben können, aber jeder macht sie! Warum denn nun Sie auch noch? Als ich vom Plagiieren, Abkupfern oder Imitieren sprach, meinte ich damit nicht, dass Sie das nachmachen, was sowieso schon fast alle machen! Suchen Sie sich ihren eigenen Stil. Auch abseits des Mainstreams werden sie tausende Bilder finden, an denen Sie sich orientieren, denen Sie nacheifern können.

Zurück zu ihrer Fotosammlung, wie gehts weiter? Sie werden jetzt sicher schon ein paar Ideen bekommen haben und werden es kaum erwarten können, endlich loslegen zu können. Was Sie jetzt brauchen, ist das passende Modell. Machen Sie an dieser Stelle nicht den Fehler, erst ein Bild auszusuchen und dann das Modell entsprechend anpassen zu wollen, sondern natürlich umgekehrt. Sie haben ein bereitwilliges Opfer und suchen in Ihrem Fundus jetzt nach Motiven, Bildideen, oder Posen, die Ihrem Modell am ehesten entsprechen. Vielleicht können Sie auch gemeinsam aussuchen. Dann erst kommt die eigentliche Analyse.

Wo ist das Bild entstanden? Ist das fürs Motiv wichtig oder nicht? Ist es ein Studiobild und Sie haben kein Atelier, muss eine Wohnung herhalten – aber ich sage Ihnen gleich, das wird nicht einfach. Gehen Sie lieber ins Freie. Was sieht man auf dem Bild, nur diffuses, unscharfes Grün? Dann finden Sie sicherlich leicht etwas adäquates. Je spezieller das Umfeld ist, desto schwieriger wird natürlich die Standortwahl. Motive für den Hintergrund, die man nahezu überall findet, sind: Bäche, Flüsse, Teiche, Bäume, Wald, Wiesen und Felder, natürlich auch Straßen und Wege, Brücken; nicht ganz so oft findet man markante Felsen oder große Seen; eingeschränkt vorhanden sind Blüten und Blumen, selten sind Eis und Schnee, Berge, Wüsten, Wasserfälle.
Städte und Architektur gibt es zwar auch überall, aber die Herausforderung, dort zu fotografieren, ist nicht ohne.

Habe ich hier so etwas ähnliches in der Nähe? Weiß ich schon genau wo? Muss ich erst suchen? Logisch, dass Sie solch eine Suche im besten Fall alleine vornehmen, sonst können Sie das Shooting getrost vergessen. Schließlich ist die Zeit begrenzt. Welche Alternativen gäbe es vielleicht? Muss ich damit rechnen, dass plötzlich Leute auftauchen? Wenn Sie Anfänger sind, suchen Sie sich ihr Wunschmotiv am besten nach dem Schwierigkeitsgrad aus, Sie werden spätestens vor Ort verstehen warum. Zu allen sowieso schon vorhandenen Anforderungen an Ihre Kunst werden bei der Aktfotografie noch zusätzliche auf Sie zukommen. Denken Sie daran, dass Sie das Licht setzen, den Ausschnitt bestimmen, die Schärfe einstellen und mit Ihrem Modell kommunizieren müssen. Heben Sie sich also Dinge wie nackt bei Sonnenuntergang (Zeitdruck), nackt durch den Regen tanzend (Bewegung und nasses Equipment), nackt an bekannten Orten (Überraschungsmoment Zuschauer) für die Zeit auf, wo Sie schon ein bisschen Routine entwickelt haben. Nehmen Sie sich zu Beginn nicht zuviel auf einmal vor.

Wenn Sie glauben, ein oder mehrere erreichbare Lokationen gefunden zu haben, die denen, auf den Bildern die Sie ausgesucht haben, ähneln, kommt der nächste Schritt, das Licht. Was ist das Hauptlicht? Aus welcher Richtung, steht die Sonne tief oder hoch? Streiflicht, Gegenlicht, frontal oder ist es vielleicht bewölkt? Gibt es noch eine zweite, gar eine dritte Lichtquelle? Licht, zumal im Freien, wird vom Anfänger oft unterschätzt. Was soll man schon groß machen, entweder die Sonne scheint oder nicht. In dem Bereich Licht ist der Lerneffekt durch das Bilderstudium oft am größten. Aber keine Sorge, nur weil das Licht am wichtigsten ist, bedeutet es nicht, dass es der meiste Aufwand in einem Set ist. Aber es benötigt ihre erste und wichtigste Aufmerksamkeit. Ich komme immer wieder darauf zurück.

Kommen wir nun zum Hauptmotiv, Ihrem Modell. Welche Pose nimmt es ein? Passt die Pose zu seinem Körper? Ist der Standpunkt vielleicht erhöht, zum Beispiel ein Ast, oder eine Mauer? Brauche ich vielleicht eine Leiter oder einen Tritt? Liegt oder sitzt das Modell, brauche ich eventuell eine Decke oder ein Sitzkissen (wenigstens zum Probesitzen)? Da ein Aktshooting eine recht intime Sache ist, mag es gut sein, derlei Dinge vorher miteinander zu besprechen. Brechen Sie sich keinen Zacken aus der Krone, Ihr Modell schon in dieser Phase miteinzubeziehen. Verbuchen Sie das unter vertrauensbildende Maßnahmen und profitieren Sie später von genau diesem Vertrauen. Die Person, die Sie fotografieren, zahlt es Ihnen mit ungleich mehr Enthusiasmus und Mut zurück, als wenn Sie in Ihrem stillen Kämmerlein alles vorher genau überlegen und ihr dann später nur noch sagen, stell dich hier hin, mach dies und das.

Auch wenn Sie der Fotograf sind, sollten Sie selbst wenigstens einmal in die Rolle desjenigen schlüpfen, der fotografiert wird. Nackt natürlich. Es macht einen großen Unterschied und garantiert fällt es Ihnen so leichter, sich in das Modell hineinzuversetzen. Sensibilität schafft nämlich ebenfalls Vertrauen.

Vor dem Ende des Kapitels noch eine Kleinigkeit. Vielleicht befürchten Sie ja, wenn Sie so  vorgehen, quasi mit einer Vorlage, dann sei das ein Zeichen mangelnder Kreativität. Da kann ich Sie beruhigen. Erstens schauen Sie sich Kunststudenten in einem berühmten Museum an, wie sie dort sitzen und die alten Meister kopieren. Das gehört zum Lernprozess und ist alles andere als ehrenrührig. Zweitens sind die Zeiten, in denen man als Fotograf noch wirklich kreativ sein konnte und etwas noch nie dagewesenes geschaffen hat, längst vorbei. Alles ist schon Abermillionen Mal in unzähligen Varianten fotografiert worden. Sie können praktisch nichts wirklich neues mehr erschaffen, der Fluch der späten Geburt wenn man so will. Die Kunst eines Fotografen heute besteht in erster Linie darin, sein Handwerk zu beherrschen und, was noch wichtiger ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Natürlich endet Ihr Shooting nicht an dieser Stelle. Wenn Sie vor Ort sind und einmal angefangen haben, kommen Ihnen auf oder abseits der Basis, die Sie bis dahin haben, weitere Ideen, ganz bestimmt sogar. Nutzen Sie sie und wenn Sie etwas noch schöneres schaffen, als das, was Sie sich vorgenommen hatten, herzlichen Glückwunsch, Mission vollendet.