Das wichtigste …

… an einem Aktfoto ist das Gesicht. Das hat jemand gesagt, der es wissen muss. Leider Gottes weiß ich nicht mehr wer. Trotz intensiver Recherche war es mir unmöglich herauszufinden, wer das gesagt hat. Nur wann ich das zum ersten Mal hörte oder las, weiß ich noch, es war irgendwann Mitte der Neunziger, auf jeden Fall im letzten Jahrtausend. Was nicht bedeutet, dass es heute nicht mehr gilt, ganz im Gegenteil! Es gibt ein paar wenige Ausnahmen in der Geschichte, die so herausragend innovativ waren, wo das Gesicht keine Rolle spielte. Aber die sind schon fotografiert worden. Und das hundertmal besser, als man selbst es je hinbekäme. Wozu sollte man das also nachmachen wollen?

Ich weiß, die Verlockung ist groß, besonders wenn man sich eigentlich niemandem nackt zeigen will, nicht offen zugeben will, dass man Nacktfotos von sich hat machen lassen. In dem Moment scheint vielen die erlösende Idee zu kommen, einfach das Gesicht wegzudrehen, ganz abzuschneiden oder noch schlimmer, einen Augenbalken zu nehmen oder es zu verpixeln. Tut man so etwas, passiert in dem Moment genau das, was Männern so gerne unterstellt wird, das Modell wird auf ein Objekt reduziert. Mit dem Porträt eines Menschen (und nichts anderes ist ein Aktfoto) hat das nichts mehr gemein. Hintern, Brüste, Vulvas und Penisse sind selten einzigartig und für sich allein genommen sagen sie auch nichts aus. Erst im Zusammenspiel mit einem Gesicht, einem Ausdruck, sind Aktporträts in der Lage, beim Betrachter einen Reiz auszulösen, der über ein simples “Boah, wie geil!” hinausgeht. Alternativ kann man seinem Modell ja eine braune Papiertüte über den Kopf stülpen, vielleicht wird dann einigen Leuten klar, was sie da im Grunde eigentlich veranstalten. Der peinliche Gipfel der Verschleierungsfotos ist dann der, wenn man eines vorzeigt und der Betrachter dann fragt: »Was, das bist du? Ist ja toll!« Was bitteschön soll man von so einem Kompliment: »Wow, toller Körper, hätte ich dir gar nicht zugetraut!« halten?

Wenn wir nicht wollen, dass jemand uns nackt sieht, dann sollten wir davon Abstand nehmen, Aktfotos machen zu lassen. Wenn wir nicht wollen, dass uns jemand auf Nacktbildern erkennt, sollten wir davon Abstand nehmen, sie ins Internet zu stellen. Aktfotos ohne Gesicht sind nur für eine Sache nützlich, denn mit ihrer Hilfe lässt sich ganz leicht die Spreu vom Weizen trennen. Sind die Reaktionen auf ein Aktbild von Ihnen ohne Gesicht überbordend enthusiastisch, kommen die in der Regel von Leuten, die an Ihnen als Person eigentlich überhaupt kein Interesse haben.

Ein weiterer Grund, warum es so weit verbreitet ist, das Gesicht zu ignorieren, ist natürlich der Wunsch vieler Fotografen, zahlreiche Modelle vor die Kamera zu bekommen. Das ist mithin leichter, wenn er zusichern kann, dass man auf keinen Fall erkannt werden wird. Dass man mit den Bildern keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken kann, das hat er noch nicht gemerkt.

Falls Ihre Titten viertausend Euro gekostet haben, kann ich verstehen, dass Sie Fotos davon haben wollen. War schließlich eine nicht unerhebliche Investition. Dann, meinetwegen, lassen Sie sich Glycerin daraufsprühen, machen Sie die Nippel hart und lassen sie einen enthusiastischen Shooter (sagt man das heute so?) sein Blitzlichtgewitter abfeuern. Hoffentlich hat er nicht einen Dauerständer in der Hose, ob ihrer üppigen Brüste … äh … Investition. Als Dank darf er sich zuhause einen abwichsen und die zwangsläufig nichtssagenden Bilder in seinen unbedeutenden Blog einstellen. Fürs Schlafzimmer lassen Sie sich einen großen Ausdruck anfertigen, rahmen und ein weiterer enthusiastischer Heimwerker dübelt es Ihnen an die Wand. Sein Lohn ist derweil bescheidener, er darf immerhin in ihr Heiligstes und außerdem das Bild ansehen, wobei Sie natürlich adäquat erröten. Also ehrlich, da waren wir in den Siebzigern schon mal weiter.

 

Internet

Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte: Das Internet vergisst nichts. Die gute ist, dass es auch nichts behält. Wenn man sich die Horrorgeschichten durchliest oder anhört, die kursieren, weil jemand nackt im Netz gefunden wurde, kann einem wahlweise angst und bange werden, oder man lacht sich halbtot. Ich tendiere zu letzterem. Großstadtmärchen aus den Anfängen des Internets sind das, mehr aber auch nicht. Denn es mag zwar sein, dass irgendwo, irgendwann einmal hochgeladene Bilder nie wieder verschwinden, aber finden müsste man sie eben auch können. Selbst wenn man danach sucht, wird das nicht einfach. Und dass jemand zufällig über ihre Nacktbilder stolpert und sie deswegen nicht mehr Vorstandsvorsitzende bei der Telekom werden können, ist wenig wahrscheinlich. Tatsache ist nämlich auch, dass in jeder Sekunde Tausende von neuen Bildern hinzukommen, jeden Tag Millionen, jeden Monat Milliarden, der undurchdringliche Wust an Nacktbildern wird ununterbrochen immer größer und immer undurchdringlicher. Und falls, ja, falls es doch irgendwann passieren sollte, machen Sie es wie die Kanzlerin Merkel, ignorieren Sie es einfach!

Für Sie selbst mögen Ihre Nacktbilder eine große Sache sein, für das Internet sind sie nicht mehr als ein Sandkorn in der Wüste. Nicht nur, dass man die Stecknadel im Heuhaufen finden müsste, nein man müsste erst einmal im richtigen von tausenden Heuhaufen suchen.

 

Das Antlitz

Die Augen sind nicht der Spiegel der Seele, auch wenn es landläufig so heißt. Gemeint ist das Gesicht, seine Physiognomie unter besonderer Berücksichtigung der Augen. Nur das macht uns unverwechselbar und nur anhand des Gesichts lässt sich ein Mensch unter Millionen anderen wiedererkennen. Und gerade in der Aktfotografie ist das Gesicht von herausgehobener Bedeutung. Die Nacktheit kann alleine mithilfe der Mimik verblüffend verschiedene Assoziationen wecken. Es wäre doch ein Jammer, wenn wir uns dieses Gestaltungsmittels berauben würden! Damit meine ich nicht nur, dass ein lasziver Gesichtsausdruck Wünsche weckt, dann wäre ich in der Playmatefalle gefangen. Wegen der seit sechzig Jahre anhaltenden Schwemme genau dieser Aufnahmen, kann man getrost sagen, dass ein lasziver Gesichtsausdruck bei Aktfotos verbrannt ist. Als ob sich kein anderes Stilmittel als ein etwas dümmlich wirkender halboffener Mund finden ließe, der Laszivität ausdrückt. Er taugt vielleicht noch für den privaten Bereich, oder um ihn in sein Gegenteil zu überführen. Im Jahr 2016 hat dies sogar ein Marketingmanager von Pirelli erkannt und die Konsequenzen gezogen.

Wenn wir jemandem zeigen wollen, wie schön wir sind, wie schön wir uns finden; welcher Mensch wir sind, wenn wir nackt und entblößt sind, dann kommen wir um das Gesicht nicht herum. Selbst eine vermeintlich leere Miene birgt hier mehr Potenzial, da jeder in ihr versucht etwas herauszulesen. Wir haben 44 mimische Muskeln, mit denen wir bis zu 7000 Gesichtsausdrücke in 21 Kategorien erzeugen können und mir ist völlig schleierhaft, warum das Genre der Aktfotografie sich auf drei davon beschränken, oder noch schlimmer, alle weglassen sollte.